Architekt und Ingenieur.

Ja, was denn nun: Kunst oder eben Pragmatismus und Nützlichkeit?

„Sie erzählen uns hier was über Kunst, aber wie ist denn das mit dem Bauen, wo liegt denn nun der Unterschied zwischen Bauen und Architektur? Und sind da nicht die Bauingenieure besser dran als die Architekten? Denn Ingenieure bauen ja pragmatisch und nützlich. „

Das ist eine schwer verkürzte Version dessen, was ich anlässlich einer Einführungsvorlesung zum Konstruieren zu hören bekommen habe. Auf den Gedanken muss man sich dann schon einmal einlassen. Denn die Zwischenfrage kam ganz augenscheinlich im Abgleich zwischen Erwartung und Wahrnehmung an das Fach Konstruieren zustande.

Ich werde in der kommenden Woche zur Aufklärung zumindest eines Teilaspekts der Zwischenfrage die Lektüre von Aita Flury: ‘Kooperation. Zur Zusammenarbeit von Ingenieur und Architekt’ Birkhäuser Verlag, Basel 2012 vorschlagen. Das ist ein präzises und lesenswertes Werk, man bekommt es für 39,95 Euro neu, gebraucht vielleicht günstiger, es gibt viele interessante Anregungen gerade zum Einstieg in das Architekturstudium, bei Amazon kann man auch einen Blick in das Buch werfen:

Blick ins Buch

Wie dem auch sei, einfach ist einer solchen Äußerung nicht zu begegnen. Die hat mich erstens völlig auf dem falschen Fuß erwischt und zum zweiten wusste ich wirklich nicht so recht, wo ich denn nun mit einer Antwort einsteigen sollte. Ignorieren geht auch nicht, man kann ja nicht erst sagen, dass Seminaristischer Unterricht keine Vorlesung im klassischen Sinne ist, sondern „Unterricht in assoziativer und partizipatorischer Form“, wie es Kollege Prof. Markus Emde 2011 für das Modul Entwerfen 1 so schön formuliert hat. Um dann beim erstbesten Zwischenruf, wenn es mal schwierig wird, einfach darüber hinweg zu gehen und seinen Stiefel recht unpartizipatorisch durchzuziehen. Doch andererseits war es ein rechter Allgemeinplatz, der mir in all den Jahren an unserer Fakultät einfach nie begegnet ist und so stand ich glatt auf dem falschen Fuß.

Man müsste wohl zuvorderst ein paar Begrifflichkeiten klären, wie zum Beispiel „nützlich“ oder „pragmatisch“. Warum heftet eine Person diese Begriffe dem Bauingenieur an sich als Differenzierungsmittel gegenüber einem Architekten an? Ich kenne einen großen Haufen guter Kolleginnen und Kollegen in der Architektur, die sehen sich selbst in erster Linie als nützliche Pragmatiker und stehen damit nicht allein: sie werden auch von Außen (zumeist:) wohlwollend als solche betrachtet. Nein, viel eher müsste man in der Differenzierung statt auf das Selbstverständnis (weil eingefärbt durch die Eigenbetrachtung aus dem jeweiligen Berufsstand heraus) oder den Allgemeinplatz zurückzugreifen, einen intensiven Blick in das unterschiedliche Berufsbild oder die sehr differenzierten vielfältigen Berufsbilder von Architekt und Ingenieur werfen. Es sind die Aufgabenbereiche beider, von Architekt und Ingenieur, die sich im Idealfall ergänzen und nicht etwa im Widerspruch oder gar in Konkurrenz zueinander stehen. Und es ist die Neigung des Einzelnen, sich dem einen oder anderen Aufgabenbereich zuzuwenden, die bei der Entscheidung, was man denn nun studiert, Pate stehen sollte.

Mir fallen nun auch etliche Beispiele ein zu Architekten und Ingenieuren, die im Aufgabenbereich des einen oder des anderen arbeiten und das hat uns nie geschadet, im Gegenteil: es ist eine unglaubliche Bereicherung. So ist da zum Beispiel der Schweizer Ingenieur Jürg Conzett (der auch in Aita Flurys‘ Buch eine gewichtige Rolle spielt). Im Abschnitt Leitbild ist auf der Heimatseite von Conzett Brozini Gartmann zu lesen: „Wir suchen konzeptionelle Lösungen. Ein gutes Konzept vermag mit einfachen Massnahmen verschiedenste Anforderungen gleichzeitig zu erfüllen.“

Und weiter: „Wir arbeiten vernetzt und schätzen Dialog und Disput, bürointern wie auch mit externen Partnern. Während wir im Brückenbau normalerweise allein die Verantwortung für Entwurf, Projekt und Realisierung tragen, ist im Hochbau die fruchtbare Zusammenarbeit mit Architekten zentral.“ Die Arbeiten von Conzett Bronzini Gartmann zeigen das sehr deutlich, auch schon beim Blick auf deren Heimatseite. Im Bereich „Hochbauten“ findet man viele Projekte namhafter Kolleginnen und Kollegen, an denen die Ingenieure maßgeblich beteiligt waren und das sicherlich auch gestaltgebend. Denn ohne eine wohlüberlegte, materialgerecht dimensionierte Struktur, ohne ein angemessenes ingenieurtechnisches Konzept hat die gestalterische und funktionale Konzeption eines Hochbaus keine Chance auf eine kohärente Umsetzung. In anderen Bereichen dieser Ingenieure, wie zum Beispiel dem Brückenbau, findet man Ingenieurbaukunst, die sich nicht mit „Pragmatismus“ und „Nützlichkeit“ definieren lässt und ganz eigene Titel trägt, wie zum Beispiel „Höhenrausch“.

Die erläuternden Worte erinnern mich nun an etwas, sehen wir also zum Beispiel mal bei Becker Architekten in Kempten nach. Michael Becker und Franz Schröck haben ein Ingenieurbauwerk errichtet, ein Wasserkraftwerk in Kempten, das sogar eine Auszeichnung beim Deutschen Architekturpreis 2011 erhalten hat. Dort finden wir ähnliche Worte auf der Heimatseite, auch die Architekten sprechen von „Konzeption“:

„unsere konzeption sieht vor, die beiden endpunkte krafthaus (mit generatoren und transformator) und staubalkenwehr (mit rechenreinigungsanlage) mit einer durchgängigen gebäudehülle zu verbinden, die ungefähr in der mitte unter dem historischen stahlfachwerk – bogen des kabelsteges hindurchtaucht. dieses weich geformte hüllvolumen bietet raum für die vielfältigsten assoziationen, die von `welle` über `geschliffener flußstein` bis `gestandeter wal` reichen können.“

Es lohnt sich, nach Kempten zu fahren und, vielleicht im Frühjahr, wenn die Wassermassen aus dem Gebirge besonders eindrucksvoll sind, einen langen Blick von oben auf die Welle, den Wal oder den Flußkiesel zu werfen und die Gedanken einfach schweifen zu lassen, ohne viel darüber zu sinnieren, ob denn nun Architekt oder Ingenieur künstlerischer oder pragmatischer sei. Es lohnt sich auch, vorher die Via Mala abzugehen und über den zweiten Traversiner Steg von CBG zu schreiten. Dort bekommt man ein ähnliches Erlebnis von anderer Seite zu sehen: hoch über dem Traversiner Tobel erlebt man ein Naturschauspiel von einem ingeniösen Bauwerk aus, einem Steg, den man auch nicht so einfach der einen oder anderen Seite zuzuordnen vermag. Eher ist der Steg beides, kunstvoll pragmatisch, gut durchdacht, mit schönem Material zwischen grauem Fels und Wald eingefügt.

Wo wollte ich jetzt eigentlich hin? Ach ja, Architekt oder Ingenieur beziehungsweise lieber Architekt u n d Ingenieur. Nein, ich wollte nicht von Kunst um der Kunst willen sprechen, vergangenen Donnerstag, sondern von der Schnittstelle zwischen Konzept und Realisierung, vom Prozess des Denkens und Planens und dem Abenteuer Baustelle, der Konstruktion des Werkes, vom Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Darüber-Nachdenken am Beispiel von Sainte-Bernadette in Nevers (Claude Parent, Paul Virilio), als Triebfeder des Konstruierens. Nun, so habe ich über Baukunst gesprochen und das ist auch gut so. wir werden das Thema Architekt und Ingenieur noch klären, mit etwas mehr Wissen und etwas mehr wahrnehmung im Kreuz, wenn das Semester ein wenig fortgeschritten ist. Dann werde ich auf dieses Thema noch einmal zurückkommen, vielleicht dann mit etwas Unterstützung aus dem anderen Berufsstand, dem der Ingenieure.

So kommt mir noch ein ganz anderer Gedanke, auf den ich angesichts des Traversiner Stegs von Conzett Bronzini Gartmann gestoßen bin, denn dieser liegt an der sogenannten „Via Mala“: es gab in den sechziger Jahren eine beeindruckende Verfilmung des Romans „Via Mala“ von John Knittel, mit Gert Fröbe in der Hauptrolle des jähzornigen Vaters Jonas Lauretz. 1985 wurde eine Neuverfilmung des Romans, dem ein Vatermord im mittelfränkischen Obermühle im Jahr 1817 zugrundelag, als Fernsehmehrteiler mit Mario Adorf ausgestrahlt. Sehr sehenswert!

Veröffentlicht in Lehre