… und dabei Feuer fangen bedeutet, dass sich etwas grundlegend in unserem Leben ändert. Denn Architektur umgibt uns. Ich habe es so gelernt:

in meinen ersten Semestern, an der TU in Dresden und am IUAV in Venedig, war ich mehr oder weniger mit mir selbst beschäftigt. Hinaus aus dem Elternhaus, die Nachwendezeit in Dresden war ein spannender Zeitraum, der mich auch ohne Studium sehr vereinnahmt hat. Im Oktober 1991 aus Bayern nach Dresden kommend, fühlte ich mich vollkommen entwurzelt und so ging es nicht nur mir: alles war anders, vom Wohnen über das sich-im-Stadtraum-bewegen bis hin zu kleinen Dingen des Alltags wie Einkaufen. Der Austausch in Venedig schließlich stellte mich einerseits vor sprachliche Herausforderungen, die waren aber zu meistern. Das viel größere Thema war: wie studieren, welche Fächer belegen, wohin gehört man eigentlich? Das Institut für Architektur ist riesig und so landete ich mit meinem Hamburger Kommilitonen Hauke Herberg, der mit mir von der TUD kam, bei einem Sechstsemesterentwurf bei Professore Angelo Villa, Thema war ein Kino in Mailand. Hauke und ich hatten damals gerade das zweite Semester in Dresden hinter uns gebracht… Das war alles zu bewältigen, ich verspürte damals noch viel Freiheit rund um mein Studium. Es reichte für Cellounterricht, für Heimfahrten zu den Eltern, für das Treffen mit Freunden außerhalb des Studiums.

Doch nach dem Vordiplom wechselte ich nach Paris, an die Ecole d’Architecture de Paris-Belleville. Es war im Sommer 1993 und dort traf ich auf die Groupe Uno, damals unter Führung von Henri Ciriani. Die Vereinnahmung durch die Architektur folgte auf dem Fuße: es gab kein anderes Thema mehr, Diskussionen um “ trois poteaux“, also drei Stützen, in Verbindung mit einer „parois horizontale“ oder einer „parois verticale deux tiers“ (also einer horizontalen Scheibe bzw. einer vertikalen Zweidrittelscheibe) konnten abendfüllend sein. Gestützt durch perspektivisches Zeichnen bei Didier Sancey oder Architektur- und Kunstgeschichte bei Laurent Beaudouin drang das Denken und Diskutieren rund um Architektur in jede Fuge meines studentischen Lebens ein. Als dann noch das Arbeiten bei Laurent Salomon, nächtelanges und wochenendliches Perspektivenzeichnen für Wettbewerbe wie das koreanische Nationalmuseum hinzukam, hatte ich irgendwann das Gefühl, dass die Beschäftigung mit Architektur Tag und Nacht meines Lebens einnahm. Und doch war mir nicht, als wäre das verkehrt!

Nach dem Studium war ich das also gewohnt, die Einstellung war mir nicht nur lieb und teuer geworden, sondern auch Normalzustand. Ich habe nach dem Studium, zurückgekehrt nach Deutschland und in Nürnberg gestrandet, direkt ein eigenes Büro eröffnet. Ich musste das tun, denn Anfang 1998 gab es keine Stellen und schon gar keine für Leute, die in Frankreich diplomiert hatten und der deutschen Fachsprache nicht mächtig waren. Also gab es nur den Weg, wieder ins Ausland zu gehen oder eben etwas eigenes zu versuchen. Wobei die Bezeichnung „eigenes Büro“ für die ehemalige Arbeiterumkleide im verlassenen TKD-Gelände an der Allersberger Straße, dem heutigen „Nürbanum“, einigermaßen übertrieben ist: 12 Meter Schlauch, drei Meter achtzig breit, über vier Meter hoch, mt Dachluke auf ein 2 – 3.000 Quadratmeter großes, ungedämmtes Flachdach mit Blick über (fast) ganz Nürnberg. Da war es im Sommer superheiß und im Winter unglaublich kalt. Aber für 180 D-Mark Miete war es mein eigenr Raum, bald mit Kollegen belegt und schon ging das mit dem eigenen Büro tatsächlich los! Den Lebensunterhalt habe ich mir in der ersten Zeit in Kneipen verdient, außerhalb der Serviererei gab es nur Wettbewerbe, manchmal als U-Boot für andere Büros, schließlich, nach der Eintragung in die Französische Kammer auch unter eigenem Namen. Also wieder Architektur, Tag und Nacht.

So wie mir ist es sicher vielen, sehr vielen Kolleginnen und Kollegen ergangen: wir haben es im Studium gelernt, viele, viele Stunden zu arbeiten, Nächte durchzubringen (in Frankreich nannte man das die „nuits blanches“, also die weißen Nächte), Wochenenden wie Werktage zu behandeln…Diejenigen, die dann in Büros gingen, haben so weitergemacht, dachten sich nichts dabei und fanden es normal, statt der 40 Stunden im Arbeitsvertrag auch 50-60 Stunden oder mehr zu arbeiten, ohne zusätzlichen Entgelt. Gerade bei Wettbewerben hieß es oft: „Wettbewerb ist, wenn man es trotzdem macht.“ Denn auch die Büroinhaber kennen Architektur oft nur unter dem Blickwinkel des immerwährenden Daranarbeitens.

Doch schließlich kommt man an die Universität oder Hochschule zurück, als Lehrender, und gibt neben der Begeisterung für Architektur auch die Arbeitshaltung weiter. Hier schließt sich der Kreis.

Faszination und Engagement sagen die einen für 70- bis 90-Stunden-Wochen, Selbstausbeutung die anderen. Wer hat nun recht? Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in beiden Begriffen begraben. Doch geht das nicht auch anders? Kann man sich mit Architektur nicht auch ernsthaft auseinandersetzen, indem man die Beschäftigung damit zeitlich begrenzt und sich von der Selbstausbeutung distanziert? Geht das schon im Studium? Ist nicht alles um uns herum Teil unserer gebauten Umwelt und Ziel unserer Aufmerksamkeit? Muss man also in ständiger Arbeitsanspannung studieren, damit mal ein guter Architekt oder eine gute Architektin aus einem wird? Ist man als Lehrer Vorbild und will man, kann man das auch sein?

Hmm. Da fällt mir etwas auf:

Es ist Sonntag und ich möchte nun an etwas anderes denken. Raus, auf’s Fahrrad, in den Biergarten – jetzt. Schönen Sonntagabend!
(oder, frei nach Klaus Eckel: „Wer sich in der Arbeit einen Hax’n ausreißt, wird in der Freizeit humpeln…“)

… to be continued …