Ein Kommentar zum Artikel „Eine Preisverleihung wirft Fragen auf“ von Christoph Wiedemann in der SZ vom 23.02.2013

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Leider konnte ich nicht dabei sein, bei der Preisverleihung zum BDA Preis Bayern 2013 in der Aula der Münchner Kunstakademie.

Zu gern hätte ich gesehen, wie „die Struktur des Gobelin-Gewebes zu einem abstrakten Relief anschwoll“, in der „altehrwürdigen Akademie-Aula“.

Zu gern hätte ich aber vor allen Dingen auch erfahren, wie denn die hervorragenden prämierten Bauwerke als Werkschau einer bayerischen Baukultur der vergangenen Jahre präsentiert wurden. Am liebsten aber hätte ich die Freude gesehen, mit der – so wurde mir berichtet – die Erschafferinnen und Erschaffer, Bauherrnschaft wie Architekten die Preise entgegennahmen.

Denn in der Süddeutschen Zeitung war im Artikel „Eine Preisverleihung wirft Fragen auf“ genau darüber so gut wie nichts zu lesen. Ein adjektivbeladener Randkommentar zum Preis der Jury, gespickt mit Allgemeinplätzen, ist das einzig Substantielle, was man dem einige hundert Worte langen Artikel entnehmen kann. Und diese kurze inhaltliche Bemerkung mutet angesichts der langen Liste seltsamer, zusammenhanglos aneinandergereihter Anmerkungen und verwunderlicher Gedankenfetzen wie ein Feigenblatt vor dem wohl eigentlichen Sinn und Zweck des Artikels an: anscheinend geht es nicht um Baukultur oder den BDA Preis Bayern, sondern um Veranstaltungskritik im Stil einer Dekorationsbesprechung. Eigentümlich, denn wir haben doch gar kein Sommerloch und Druckspalten in den Printmedien sollten eigentlich gerade inhaltlich ausreichend zu füllen sein. Scheinbar aber wohl nicht. Und so liest man von einer „Vergewaltigung des Raumes“, von einer scheinbaren Selbstbetrachtung des Bund Deutscher Architekten Bayern als „Creme de la Creme der bayerischen Architekten“, von einer vermutlichen Geldsparmaßnahme des BDA, weil der Preis neuerdings alle drei Jahre verliehen wird und nicht mehr alle zwei Jahre.

Und man liest vor allen Dingen von merkwürdigen Vorstellungen aus einer Zeit, als es noch einen Ostblock und einen Westblock gab, eine Mauer dazwischen, Feindbilder dazu und vieles mehr, was heute nur noch Geschichte ist. Der BDA wolle sich „unbedingt mit seinen Preisen abheben“ von den „in der Kammer auch zugelassenen, angestellten und verbeamteten Architekten“, schreibt der Autor und vermutet dies auch als Grund dafür, dass die Preisverleihung nicht in der Heimstätte der Bayerischen Architektenkammer stattfindet.

Da bleibt einem nichts anderes übrig, als ein wenig zu schmunzeln. Nett, dass es solche Vorstellungen noch gibt, da kommt fast ein wenig Nostalgie auf. Das waren tolle Zeiten für Kommentatoren, als es noch Lager gab und die auch noch von außen ablesbar waren. Heute ist das ja leider nicht mehr so einfach, in unserer Gesellschaft fehlen zumeist eindeutige Haltungen. Am besten kann man das an der Politik ablesen, dem Spiegelbild unserer aktuellen gesellschaftlichen Verfassung: wer weiß schon noch in der aktuellen Gemengelage in Bayern, wer für Studiengebühren ist und wer dagegen, wer einen sanften Donauausbau will und wer einen harten, nur bei der Atomenergie sind sich inzwischen ja alle so einigermaßen einig. So möchte man nach der Lektüre meinen, der Autor hoffe, dass wenigstens der Berufsstand der Architekten der Entwicklung ein wenig hinterherhinkt und es dort noch schöne, eindeutige Lager gibt.

Doch zurück zum Inhalt, wer will sich wo von wem gleich wieder abheben? Ach ja, der BDA, der Bund Deutscher Architekten. Mit seinem Preis. Von den Architektinnen und Architekten, die nicht im BDA Mitglied sind, von den Anderen also.

Dazu eine kurze Rekapitulation aus der Präambel der Auslobung: „Der BDA Preis Bayern wird an Bauherren und Architekten gemeinsam für beispielgebende, besondere baukünstlerische Leistungen verliehen und soll dazu beitragen, das öffentliche Bewusstsein für qualitätvolle Gestaltung zu schärfen sowie alle maßgeblich daran Beteiligten zum persönlichen Engagement aufzurufen.“

Unter „Teilnahmeberechtigung“ heißt es weiter: „Teilnahmeberechtigt sind alle Architekten aus dem In- und Ausland gemeinsam mit ihren Bauherren.“

Und so gibt es tatsächlich Architekten unter den Preisträgerinnen und Preisträgern, die gleich zwei Mal von der im übrigen unabhängigen Jury prämiert wurden und nicht im BDA Mitglied sind. Ist dem BDA da womöglich ein Fehler unterlaufen? Nein, ist er nicht. Denn der BDA sieht sich einzig und allein der Qualität der entstehenden Bauwerke verpflichtet, das kann man in seiner Satzung auch gerne einmal zum Beispiel unter Punkt 2.1 nachlesen: „Ziel des BDA ist, die Qualität des Planens und Bauens in Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und Umwelt zu stärken.“

Was aber ist besser dazu geeignet, ein solches Ziel zu verfolgen, als gute Architektur zu prämieren und zu veröffentlichen?

Das tut der BDA Bayern nun seit 1967 zum zweiundzwanzigsten Mal. Und seit Neuestem in einem mit dem Preis des BDA Bundesverbandes, der Großen Nike und den daran auch beteiligten Landespreisen aller anderen fünfzehn Bundesländer abgestimmten Rhythmus, eben alle drei Jahre.

Es ist also gar nicht so schwer, einen der zahlreichen Gründe für den neuen Zeitrahmen für die Preisvergabe herauszufinden. Andere Gründe liegen auch auf der Hand:

Architektur braucht Zeit und dies nicht nur zum Entstehen, sondern auch zum Wirken und Gelebt-Werden. Das ist allerdings heute tatsächlich ungewöhnlich, wirkt wie ein Relikt aus alten Zeiten: Zeit brauchen, die Langsamkeit entdecken, nicht im Sinne des Nichtstuns, sondern als eine Art Reifeprozess. Das berücksichtigt nun auch der Bundespreis der Nike, mit seiner neuen Kategorie, der Klassik-Nike. Architektur lebt, lebt sich ein, findet langsam einen Platz in der öffentlichen Wahrnehmung und wird über die Jahrzehnte und sogar Jahrhunderte in Fällen besonders hoher Qualität zum unverzichtbaren Bestandteil unserer gebauten und gewachsenen Umwelt. Da sind selbst drei Jahre zwischen zwei Preisverleihungen irgendwie noch ein ziemlicher Klacks. Erst Jahrzehnte später stellt dann eine Nachfolgegeneration fest, dass das, was man im Jetzt liebgewonnen hat, schon damals prämiert wurde. Eine schöne Feststellung.

Ein weiterer Grund für den Dreijahresrhythmus sollte eigentlich ebenfalls klar sein:  der BDA arbeitet mit einem Minimalbudget überwiegend auf der Basis des ehrenamtlichen Engagements seiner Mitglieder – wie im Übrigen die vielen in der Kammer engagierten angestellten, verbeamteten und freiberuflichen Architektinnen und Architekten aller Couleur und scheinbaren „Lager“ auch…

Die landesweite Architekturwoche, die Regionalpreise der BDA Kreisverbände, der BDA Preis Bayern, Workshops, Exkursionen und unglaublich viele Aktivitäten in den Regionen werden von nicht einmal 800 Mitgliedern jahraus jahrein mit ungebrochener Begeisterung gestemmt. Erstaunlich auch hier: das ganze Spektrum der Veranstaltungen und Aktivitäten rund um Architektur und Stadtplanung entsteht gemeinsam mit vielen Sponsoren, mit Unterstützung der Bayerischen Architektenkammer und vor allen Dingen unter Beteiligung zahlloser Helferinnen und Helfer aus den Reihen derjenigen Architekten, die angestellt und verbeamtet sind oder einfach nicht Mitglied im BDA. Da hat auch noch nie jemand unterschieden, so lange ich dabei bin… warum auch?

Der BDA Preis Bayern ist unter diesen Aktivitäten ein echtes Highlight: wenn seine Organisation mit einem mehr als einjährigen Vorlauf und tausenden von ehrenamtlichen Arbeitsstunden abgeschlossen ist, der Prozess bewältigt wurde, das Ergebnis feststeht, dann feiert man eben. Und ja, das tut man dann auch gern in einem nicht immer wiederkehrenden Rahmen, an Orten, die man sich mit Hilfe der Unterstützer leistet. Und der BDA tut dies in Verantwortung gegenüber seinen finanziellen Möglichkeiten, denn die werden von überzeugten Sponsoren und vor allen Dingen auch zahlenden Mitgliedern zur Verfügung gestellt. Man gibt eben nur aus, was man hat und nicht mehr.

Im Übrigen ist ehrenamtliches Engagement in unserer Gesellschaft heute nicht unüblicher als noch zu den sogenannten alten Zeiten, als es allerortens und in allen Schichten und Funktionen noch scheinbar klar ablesbare Lager mit zugehörigen Freund- oder Feindbildern gab.

Das mit dem gesellschaftlichen Engagement ist doch prima, möchte man meinen, nur wahrscheinlich nicht so ergiebig, also schreibt man darüber nicht. Über Architektur zu schreiben, ist zugegebenermaßen auch nicht einfach, denn das hat vielfach auch mit Sehgewohnheiten und im Resultat mit Geschmack zu tun. Vor allem braucht es dafür Zeit, wie auch für das Erschaffen von Bauwerken überhaupt. Wie man lesen kann, ist es einfacher, ein paar Fragen zu stellen, die so tun, als fußten sie auf begründeten Behauptungen.

So stellt sich dem forschenden Leser nach Lektüre des Kommentars in der Süddeutschen Zeitung nun doch noch eine Frage: was steckt denn bloß hinter all diesen Fragen, die nicht die Preisverleihung, sondern der Autor aufwirft? Honi soit qui mal y pense…