Das Volksbegehren gegen Studiengebühren ist gestartet. Zwei Wochen lang kann man sich nun in den Rathäusern in die Listen eintragen, 940.000 Unterschriften werden zur Durchführung des Volksentscheids benötigt. In Niedersachsen, dem anderen letzten Bundesland mit Studiengebühren, hat Ministerpräsident David McAllister zwischenzeitlich angekündigt, im Fall seiner Wiederwahl an den Studiengebühren festhalten zu wollen. CSU-Fraktionschef Georg Schmid hingegen äußerte, dass die Studiengebühren in Bayern auch im Fall eines Scheiterns des Volksbegehrens spätestens nach der Landtagswahl abgeschafft werden sollen. Was ist das eigentlich für eine Haltung? Heißt das „mir doch egal, was das Volk sagt, wir machen eh, was wir wollen…“? Jedenfalls sind die politischen Positionen in Bayern klar, für den Moment zumindest. Doch wie steht es wirklich um die Studiengebühren? Hier also ein kleiner Einblick in deren Verwendung an unserer Fakultät Architektur mit ihren fünf Studiengängen:

Über die Verwendung der unserer Fakultät zugeteilten Studiengebühren entscheidet auf Vorschlag unserer Dekanin ein Gremium, das aus zwei StudierendenvertreterInnen, der Dekanin und der Studiendekanin besteht. Im vergangenen Jahr haben wir aus Studiengebühren Tutoren, Studentische Hilfskräfte und Lehrbeauftragte finanziert, um die Studierenden in ihren Aufgaben zu unterstützen. Das führt zu einer deutlichen Verbesserung der Studiensituation. Weiterhin haben wir das Café A unserer Studierenden als Fachschaftsraum herrichten und Exkursionszuschüsse in Höhe von 25.- Euro pro Tag mit bis zu maximal 6 Tagen Höchstförderung an unsere Studierenden ausschütten können. Dies sind Mittel, die es so manchem Studierenden erleichtert haben, an unserer Exkursionswoche teilzunehmen.

Die größten Vorhaben jedoch konnten wir über den hochschulweiten sogenannten 15%-Topf der Studiengebühren finanzieren: unsere Fakultät hatte 2011 und 2012 mit Erfolg zwei Anträge gestellt, denen das Vergabegremium aus erweiterter Hochschulleitung und StudierendenvertreterInnen aufgrund deren Sinnhaftigkeit zugestimmt hatte. Der erste Antrag bestand in der Anschaffung einer 5-Achs-CNC-Fräse für die Modellbauwerkstatt. Nun können insbesondere die ID-Studierenden freie Formen problemlos modellieren und Dummies erstellen. Die andere Anschaffung hat das Gesicht unserer gesamten Fakultät sehr positiv und nachhaltig verändert. Im Nachgang zur Einrichtung der sogenannten „teaching offices“, also dem Konzept zur semesterweisen Zuweisung von festen Arbeitsräumen, in denen die Lehrenden die Studierenden für Seminaristischen Unterricht und Seminare „besuchen“, haben wir die Räume auf einfache Weise kostengünstig vollständig neu eingerichtet. Nun ist eine flexible, den Bedürfnissen der Studierenden an der HS.R ARCH gerecht werdende Raumausstattung vorhanden, die noch dazu aufgrund ihrer Konzeption dazu führt, dass aus dem gleichen Raum mehr Platzangebot generiert werden konnte. Das spart externe Anmietungskosten, die andernfalls aufgrund des Wachsens unserer Fakultät angefallen wären. Nachlesen kann man das hier:

http://www.hs-regensburg.de/fakultaeten/architektur/aktuelles/aktuelles-dateilansicht/article/projekt-raum-schaffen-an-der-hsr-arch.html

Das sind Maßnahmen, die ohne Studiengebühren undenkbar wären. Von der Verbesserung der Betreuung in der Lehre über dringend benötigte Anschaffungen für die Studierenden bis hin zur Förderung von Exkursionen oder bei Materialausgaben für Bachelor- und Masterarbeiten (in der Architektur und im Design eine kostenintensive Angelegenheit) unterstützen die Studiengebühren unsere tägliche Arbeit an der Fakultät in einer Weise, die bei ihrer Abschaffung zu einem strukturellen Problem führen würde.

Was uns also im Zusammenhang mit den Studiengebühren beschäftigen muss, ist nicht allein die Diskussion um deren – will man der Politik glauben – längst besiegelte Abschaffung, sondern die Gegenfinanzierung der an den Hochschulen und Universitäten entstehenden Haushaltslöcher. Es mutet bei dieser Betrachtungsweise schon seltsam an, wenn Studierende in diesen Tagen lautstark für die Abschaffung der Studiengebühren eintreten und dabei dem Bestreben nach politischer Vorteilsnahme und gleichzeitig fehlender Bereitschaft zum gleichwertigen Ersatz das Wort reden. Denn die Forderungen nach Gegenfinanzierung sind nicht zu erkennen – das muss man dann wahrscheinlich in zwei Jahren, wenn die Missstände durchbrechen, mit weiteren Protesten und Kundgebungen nachholen…

So scheint es nun auch mit den Studiengebühren zu laufen: im Doppelhaushalt sind nicht etwa die vollen Studiengebührenmittel verankert, sondern deutlich weniger Mittel vorgehalten. Das bedeutet faktisch, dass wir noch weniger Geld zur Verfügung haben werden, als dies derzeit schon der Fall ist. Und ob wir die Mittel tatsächlich auch als Fakultät zur freien Verfügung zugewiesen bekommen, steht ebenfalls in den Sternen. Denn wer entscheidet dann über die Verteilung, wenn es sich in Zukunft um gewöhnliche Haushaltsgelder handelt? Haben die Studierenden dann noch ein Mitspracherecht? Studiengebühren sind ein umfassendes Mittel, um die verantwortungsvolle studentische Mitsprache zu sichern, an unserer Hochschule funktioniert das ausnehmend gut. Mit ihrer Abschaffung entfällt dieses Mittel. Das gute Klima, das sich allerortens an der HS.R, und nicht nur an unserer Fakultät, zwischen Studierenden und Lehrenden aufgrund der hohen Transparenz der Entscheidungsvorgänge und den vielen Mitsprachemöglichkeiten mündiger Studierender etabliert hat, wird dadurch sicher nicht gefährdet. Aber trotzdem ist es derzeit eine recht einseitige Diskussion über den vermeintlichen „Luxus Studium“ und keine wirkliche Auseinandersetzung mit dem zumindest wirtschaftlich ungehinderten Zugang zum Studium.

Das erinnert mich daran, dass ich  in Frankreich pro Semester die 1993 recht stattliche Summe von über 1.200.- Francs (=ca. 200.- Euro) Studiengebühren pro Semester zahlen musste, Tendenz jedes Semester steigend. Das war nicht einfach, aber machbar. Wir haben uns eben damals zwei Jahre mehr Zeit zum Studieren lassen können und so nebenher gearbeitet – was den Studierenden angesichts der Arbeitsbelastung aus der Studienstruktur heraus heute deutlich schwerer fällt. Das heißt aber beileibe nicht, dass man negieren kann, dass viele Familien gerade in Haushalten mit mehreren Kindern im Studium echte Schwierigkeiten haben, die Gebühren aufzubringen. Hier müssen noch deutlich über das Bafög und die diversen Stipendienmöglichkeiten hinausgehende Lösungen gefunden werden, die den freien Zugang zur akademischen Bildung unabhängig von der finanziellen Situation der Familien auch tatsächlich gewährleisten.

Jedenfalls darf man mit seinen Forderungen nach Abschaffung der Studiengebühren nicht aus den Augen lassen, dass eine ordentliche und ausreichende Gegenfinanzierung im Staatshaushalt notwendig ist und die Verteilung und Verwendung der Gelder sauber, ergo transparent und nachvollziehbar geregelt werden muss.

Es wird finanziell sehr eng an unserer Fakultät im neuen Jahr. Das ist im Hinblick auf die erreichten Ziele hinsichtlich der Qualität der Lehre bedenklich. Doch wir werden das Erreichte sicher nicht aufgeben…