„Gute Architektur“.  Aus Neugier gebe ich am 24. November 2011 um 1h20 die Wortfolge in das Fenster meiner Internet-Suchmaschine ein, betreibe eine Wertung der ersten Ergebnisse. Es beginnt mit der Webseite eines Architekten. Zitat: „Unser Büro beschäftigt sich mit allen Bereichen der Architektur-Planung. Vom individuellen Wohnhaus in allen Größen über gewerbliche Bauten, Läden bis hin zur Bauträger-Planung für Schlüsselfertiges Bauen. Ein Schwerpunkt unseres Büros ist die Planung von Verbraucher-Märkten sowie die Erstellung von Bebauungs-Plänen.“ Warum nur lande ich auf der Suche nach „guter Architektur“ auf dieser Seite? Den Text werde ich meiner Tochter gemeinsam mit den Worten „Gute Architektur“ hinlegen und um einen schriftlichen Kommentar bitten. Drei Sätze. Ich ahne…

Der zweite Eintrag ist erst einmal eine Erholung, ein recht wertvoll erscheinender Link zu Deutschlandradio Kultur: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/572355/

Das Buch werde ich bestellen und hineinlesen. Allerdings lässt der Rezensionstext auch Einiges erahnen: „21 Architekturnutzer, Architekturkritiker, vor allem aber Architekten hat der Berliner Architekturkritiker und Architekturhistoriker Jürgen Tietz gefragt; die Antworten sind meist genaue Baubeschreibungen. Denn nur so, scheint’s, wagt man sich noch an ein Urteil heran. Wir leben in einem Zeitalter, in dem technisch und – wenigstens im reichen Westen – ökonomisch fast alles möglich ist zu bauen. Selbst Frank Gehrys Knautscharchitektur lässt nur die PC-Festplatten rauchen.“

Das habe ich schon immer geahnt, mich wundert nur, dass bei Frank O. Gehry lediglich die Festplatten rauchen, bei mir quietschen die Sohlen. Ernsthaft: Die Fragestellung lautet „ Was ist gute Architektur“ und man landet bei Baubeschreibungen? Ich kaufe das Buch trotzdem und werde versuchen, zu ergründen, warum man auf diese Frage nur dinghaft antworten kann.

Der dritte Link arbeitet mit denselben Inhalten wie der Zweite, nichts Neues in der nächsten Zeile also.

Der folgende Eintrag wird sofort „dinghaft“. Auf der Suche nach guter Architektur bekommt man also sofort die anerkanntem, weil irgendwie prämierte Architektur präsentiert, ob’s einem gefällt oder nicht: die Verleihung der „Johann-Wilhelm-Lehr-Plakette“ in Wiesbaden im Jahr 2003. Erkenntnis: gut‘ Ding will Weile haben. Doch der Eintrag wirft schon bei der ersten Dinglichkeit wiederum nur Fragen auf: warum hat denn nur das Kleine Haus im Taunus eine Blechhaube auf,  wer hat dem Haus die Ecke weggeknabbert und warum um Himmels willen musste der Architekt das Foto mit den stürzenden Linien selber machen? Gabionen fangen dann die Landschaft ab, und damit man die Tür findet, ist sie rot. Zweite Erkenntnis:  gut Ding? Weiter geht es.

Der nächste Eintrag beschäftigt sich mit einer Veranstaltung zum vorhergehenden, in Link zwei und drei erwähnten Buch von Jürgen Tietz. Ein Blogger beschreibt, wie er eine Veranstaltung in der Aedes-Galerie in Berlin erlebt hat: „was ist gute architektur? eine frage die sich mir so gar nicht stellt, aber aedes west heute abend mit hilfe von kristin feireiss, michael schindhelm, konrad wohlhage und jürgen tietz beantworten will.“ Unser Blogger durchlebt einen sichtlich schwierigen Abend: „ich weiss nicht, gerade frage ich mich ob man über architektur wirklich schreiben oder reden sollte oder sie in eine galerie stecken.“ Die Antwort scheint trotz Buch nicht gelingen zu wollen, dennoch gibt es auch Lichtblicke: „michael schindhelm ist der erste den ich verstehe, der nicht nur schwadroniert sondern etwas sagt. da er sehr viel sagt ist es nicht ganz einfach das wiederzugeben. er spricht von der rückgewinnung des öffentlichen raumes, vom terror des intimen, von der gestaltenden kraft der architektur, von mehrwert. er redet von menschen, nicht von nutzern, spricht davon dass menschen die leeren hüllen der architektur erst zu räumen machen.“

Aha. Ich frage mich gerade, was mich dazu getrieben hat, mit den Worten „gute“ und „Architektur“ die Suchmaschine zu füttern und auch noch zusammenzufassen, was ich im Ergebnis dabei in mir selbst erlebe.

Der sechste Link fährt mich schließlich aber doch an die Wand: die Webseite der dena tut sich auf. Das Zitat, das die Suchmaschine eingefangen hat, ist von Wolfgang Tiefensee, Ex-Bundes-Verkehrs-Bau-Stadtentwicklungsminister und bekannt für ein breites Grinsen unter roter Pudelmütze, als er verkündete, dass man nun per Staat und somit von oben mit dem Geld Aller das Ankleben von Erdölprodukten an Fassaden als klimaschonendes Allheilmittel fördern wolle und werde. Gesagt, getan: kostet viel Geld, ist in kleinen Kreisen heiß diskutiert, heißt Konjunkturpaket II und macht dem Häuslebesitzer vor, wie der Staat seine Schulen mit viel Styropor und neuen Fenstern auf Vordermann bringt. Auf dass man sich über die Worte „gute“ und „Architektur“ zumindest in der unmittelbaren Verbindung eigentlich gar keine Gedanken mehr machen muss…

Um es kurz zu machen: Link sieben und neun bringen mich zur gleichen Seite!

Link acht führt zu einem Online-Portal vom Charme einer Sonntagsumsonstbeilage  der Regionalzeitung, Abteilung Kleinzeigen Sonstiges, über Link zehn lande ich beim Managermagazin: „Gute Architektur ist formgewordene Sinnlichkeit“. Ein Interview mit Architekt Hadi Teherani in sechs Folgen. Wer’s lesen mag!?

„Gute Architektur“. Für mich klingen diese Worte in der Verbindung regelrecht bodenständig. Simpel. Unprätentiös. „Du, lass‘ uns doch mal gute Architektur machen.“ Das vermittelt so ein Gefühl von „Du, lass‘ uns doch mal ein Eis essen gehen.“ Von Leichtigkeit, Unbeschwertheit. Ein Kollege, der Münchner Architekt Peter Bohn schrieb mal auf seiner Webseite „Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Weide.“ So ähnlich stelle ich mir Gute Architektur vor. Lässig, liegend, kauend. Vielleicht auch ein wenig grinsend. Mitten auf der Weide, in der Stadt, neben uns, um uns herum. Das könnte ein Anspruch sein: lässig, ungezwungen, aber dennoch bewusst. Denn Lässigkeit ergibt sich meist aus dem Bewusstsein des Könnens heraus. Das erleichtert ungemein. Zum Können gehört Übung. Kann man Gute Architektur üben? Die Gedanken fliegen weiter, während die Kühe in Ruhe die Kiefer von rechts nach links schiebend weiter malmen…

Suchenswert:            Nietzsche. Mehr kommt auf der ersten Suchergebnisseite am 24.11.2011  um 1h20 nicht heraus. Aber Nietzsche füllt einen ganzen Kosmos an Gedanken, das sollte für’s Erste reichen.