Lektüre: zum offenen Wettbewerb

Wettbewerbe – ein persönlicher Kommentar zur Streitschrift des Kollegen Kücker in den BDA-Informationen Heft 1-2007

Schade.

Der offene Architektenwettbewerb ist ein wesentlicher Baustein unserer Berufskultur. Er ist wichtig für die Baukultur, wichtig für die Öffnung des Marktes, wichtig für den Nachwuchs und im Ergebnis entscheidend für die Weiterentwicklung des Berufsstands im Dienst der Gesellschaft. Er dient der Fortbildung des Berufsstands mittels einer thematischen Auseinandersetzung über gedankliche Richtungen, er dient der Qualitätssicherung im öffentlichen und privaten Bauen und er ist das einzige Instrument zur demokratischen Wertevermittlung im Wettstreit um die beste Lösung. Ob Auslober, Preisrichter oder Teilnehmer: wer am offenen Architektenwettbewerb beteiligt ist, wer eine Ausstellung der eingereichten und prämierten Arbeiten besucht, wird unweigerlich zum Staunen verleitet. Welch beeindruckendes Gefühl hinterlässt doch der Auftritt zahlreicher bildlich dargestellter Gedankenfolgen, die Architekten dem Auslober in eigener Überzeugung und freier Interpretation der gestellten Aufgabe darbieten! Die Motivation zur Teilnahme am offenen Wettbewerb entsteht nicht nur aus einer Verpflichtung heraus, sondern vor allem auch aus Freude und Begeisterung, selbst wenn diese Teilnahme mit vielen unzähligen Stunden unentgeltlicher Arbeit verknüpft ist, die neben der zur Bestreitung des Lebensunterhalts notwendigen Arbeit im Büro geleistet werden muss, meist auf Kosten von Familie, Freunden, Freizeit und letztlich auch ein wenig Gesundheit. Wie hat dies ein Fürther Kollege einmal so schön ausgedrückt: ‚Wettbewerb ist, wenn man’s trotzdem macht’.

So ist es schade, nein, sogar sehr bedauerlich, dass ein Plädoyer des Kollegen Kücker für den offenen Architektenwettbewerb zur mehr oder weniger verdeckten Abrechnung mit hoch engagierten Kollegen gerät. Kollegen, die sich nicht nur regelmäßig am Wettbewerb beteiligen, sondern obendrein auch noch für diesen werben und Wettbewerbe in ehrenamtlicher Tätigkeit durch viel persönlichen Einsatz und Überzeugungsversuche bei privaten und öffentlichen Auslobern für den gesamten Berufsstand akquirieren. Eingeweihte verstehen das Ungeschriebene zwischen den Zeilen, Kenntnisreiche erahnen den Unterton des Artikels, alle anderen Leser erhalten jedoch ein schiefes, ungerechtes Zerrbild der Kollegen aus den Bezirks- und Landeswettbewerbsausschüssen der Bayerischen Architektenkammer. Diese Kollegen (weiblich wie männlich, man möge mir die einfachere Schreibweise verzeihen) haben keinen leichten Stand. Sie treten nach Außen für den Berufsstand auf, müssen oft in mühevoller Kleinstarbeit alte Vorurteile und sachliche Unkenntnis zum Thema Wettbewerb beseitigen und tun alles dafür, dieses für die Gesellschaft und den Berufsstand so wertvolle Instrument zu erhalten und zu pflegen.

Mir erscheint es so, als wäre der Rahmen für Wettbewerbe bei manchen Kollegen einfach nicht hinlänglich bekannt. Dabei sind die Regelungen der GRW doch eigentlich sehr einfach und transparent: oberhalb des Schwellenwerts muss ein VOF-Verfahren zur Vergabe von Dienstleistungen durchgeführt werden, unterhalb des Schwellenwerts muss die Vergabe von Leistungen transparent und nachvollziehbar erfolgen. Um dem Aufwand und den Kosten unterhalb des Schwellenwertes Herr zu werden, gibt es das Instrument des vereinfachten Verfahrens, das es Auslober und Teilnehmern erlaubt, in schlanker Form auch für so genannte kleine Aufgaben wie Schulerweiterungen, Kindergärten, Sporthallen aber auch kleine Büro- und Verwaltungsbauten, Produktionsstätten und Einkaufs- oder Dienstleistungszentren Wettbewerbe durchzuführen.

Oberhalb des Schwellenwertes stellt der in ein VOF-Verfahren integrierte Architektenwettbewerb die beste Methode einer an der Qualität und der Aufgabe orientierten, rechtssicheren Vergabe von Architektenleistungen dar. Die Mär vom Schreckgespenst des nachgeschalteten Verhandlungsverfahrens ist kompletter Unsinn, kann man auf dieses doch durch den einfachen Zusatz in der Veröffentlichung wie zum Beispiel ‚die einstimmige Entscheidung des Preisgerichts ist für den Auftraggeber bindend’ glatt verzichten. Will sich der Auslober nicht binden, muss er zwar mit allen Preisträgern verhandeln, kann aber der Entscheidung des Preisgerichts in seinen Vergabekriterien eine entsprechend hohe prozentuale Wertung zukommen lassen, sodass die Verhandlung schnell, unkompliziert und rechtssicher durchzuführen ist.

Machen wir uns hier doch nichts vor: Preisgerichte finden in aller Regel zu einer gemeinsamen Entscheidung! Weder den Architekten noch den Auslobervertretern und sonstigen Fachleuten in einem Preisgericht ist daran gelegen, nicht die aus allen Gesichtspunkten heraus beste Lösung zu finden.

Um den Wettbewerb wieder auf breiter Basis und positiv belegt in der öffentlichen Meinung zu verankern, müssen wir Architekten über mehr Sachkenntnis verfügen und weniger fabulieren. Es hilft nichts, ständig alten Zeiten nachzujammern, verdienten Kollegen dabei ans Schienbein zu treten und auf seine Erfahrungen zu pochen, um in heutiger Situation erfolgreich Werbung für dieses außerordentliche Instrument der Vergabe von Architektenleistungen zu machen. Der offene Wettbewerb, da bin ich mir persönlich sehr sicher, ist im Übrigen das einzig anzustrebende Instrument, ganz gleich für welche Aufgabe, ganz gleich für welche Größenordnung, ganz gleich ob aus Sicht von Auslober oder Teilnehmer. Nur dieser erlaubt es, ohne Vorauswahl unvoreingenommen an die gestellte Aufgabe heranzugehen. Die beschränkt offenen Wettbewerbe sind letzten Endes ein Resultat aus der Angst vor hohen Teilnehmerzahlen und damit verbundenen hohen Verfahrenskosten. Diese müssen weg vom Auslober, zum Beispiel durch eine angemessene Schutzgebühr für die Auslobung und die Öffnung möglichst vieler Wettbewerbsverfahren. So kann sich ein jeder wieder aussuchen, welche Aufgabe ihm liegt, so kann ein jeder wählen, wann und wie er seine Zeit in Wettbewerbe investiert.

Das momentane Problem besteht doch vor allem darin, dass auf der einen Seite einige Büros unter der Last von zu vielen Wettbewerben leiden, muss man sich doch immer und überall bewerben, wenn man überhaupt eine Chance haben will. Da kommt es eben vor, dass man zu zwei oder drei Verfahren gleichzeitig ausgewählt wird und dann liegen einem diese Aufgaben unter Umständen noch nicht einmal. So ist dann der Ausfall bei den Abgabezahlen im beschränkt offenen Wettbewerb zu erklären, der ärgerlich, aber im bestehenden System nicht zu vermeiden ist.

Auf der anderen Seite haben es der Nachwuchs und die kleinen Büros sehr schwer, überhaupt an einem Wettbewerb teilnehmen zu können. Wie sollen hier neue Gesichter auf den Markt kommen, wie sollen hier neue Ideen die gebaute Landschaft beleben können, wenn der Nachwuchs und die kleineren Strukturen vom Markt glatt ausgegrenzt werden?

Also: hin zum offenen Wettbewerb, überzeugen wir uns selbst und die Auftraggeber, dass wir uns gemeinsam mit unserem Berufsstand dieser Aufgabe stellen müssen, sonst landen wir eines Tages im französischen Malheur, wie die architektur.aktuell in ihrer Ausgabe 4/ 2007 in einem Bericht zu den Kollegen Ibos & Vitart schrieb, um zu begründen warum so hervorragende Architekten wie diese beiden bislang so wenig Gebautes vorweisen können:

„Das verkrustete Ausschreibungssystem Frankreichs ist nicht ganz unschuldig daran. Während zu Beginn der 1980er Jahre die Öffnung der Bauausschreibungen dazu beitrug, dass viele neue Büros entstanden und eine wahre Erneuerung der Architektur in Frankreich stattfand, stellt dieses System heute eine Hürde für junge Architekten dar, aber auch für etablierte Firmen. Die Vorauswahl begünstigt einerseits jene Büros, die viele Referenzen vorweisen können (es gibt keine offenen Ausschreibungen in Frankreich), andererseits sind in den Jurys die Architekten in der Minderzahl (was wiederum lokalen Entscheidungsträgern mit begrenztem Architekturverständnis und eher konservativem Geschmack zu große Entscheidungsgewalt einräumt). Und damit haben neue und radikale Vorschläge keine Chance. Da private Auftraggeber in Frankreich nach wie vor kaum eine Rolle spielen, versinkt die Architektur in Frankreich immer mehr im Konformismus des guten Tons.“

Da wollen wir doch nicht hin, oder? Denn Wettbewerb ist nicht nur, wenn man’s trotzdem macht, sondern wenn man’s noch dazu mit Freude betreibt.